Willkommenskultur für digitale Ideen aus Europa

Willkommenskultur für digitale Ideen aus Europa
November 8, 2016 Kommentare deaktiviert für Willkommenskultur für digitale Ideen aus Europa Arbeiten,Kommunizieren,Lernen/Bildung/Kultur Stefan Fritz

Warum überschütten wir immmr mit Häme?

Letzte Woche hat ein 70 Personen Startup der Telekom einen neuen Messenger herausgebracht: immmr. Ja: der Name ist irritierend, ja: der Start im slowakischen Markt ist ungewöhnlich, ja: das Design ist gewöhnungsbedürftig, und ja: 70 Personen scheinen ganz schön viel, wenn Whatsapp beim Aufkauf durch Facebook mit mehr als 400 Mio Nutzern nur 50 Mitarbeiter hatte.

Aber muss die deutsche Tech-Elite dem Projekt direkt durch niederschmetternde Blogartikel den Garaus machen? Thomas Knüwer lässt kein gutes Haar an dem neuen Dienst und führt eine Menge nachvollziehbarer Sachargumente ins Feld.

Auch SIMSme, ebenfalls ein Messenger, schon einige Zeit am Markt und auch von einem großen deutschen Unternehmen, der Post, bekommt sein Fett weg.

Wieso stehen wir US-Lösungen positiver gegenüber als deutschen?

Das Argument, dass die deutschen Unternehmen die Entwicklung verschlafen haben und es schon so viele Messenger gibt, ist zunächst stimmig. Aber warum hat in Deutschland keiner gelacht, als Google vor vier Wochen einen neuen Messenger herausgebracht hat? Allo heißt der neue Versuch aus dem Hause Google und ist noch nicht ´mal das einzige Messenger Pferd im Google-Stall.

Das Potential von Messenger-Diensten

Das Thema Messenger beschäftigt also trotz des vorhandenen Platzhirschs Whatsapp und diverser anderer etablierter Dienste weltweit die Entwickler großer Konzerne. Warum?

  • Könnte es sein, dass Messenger die Basis für Chatbots sind?
  • Könnte es sein, dass Chatbots gepaart mit Künstlicher Intelligenz die neue Hoffnung auf zukünftige Benutzer-Schnittstellen sind (und vielleicht den Google Such-Schlitz beerben)?
  • Könnte es sein, dass die Telekom nach Möglichkeiten sucht, ihr aktuelles Geschäft mit Telefonverbindungen und den Nummern in die neue Welt zu transformieren?

Neue Lösungen für unsere digitale Welt – aber von wem?

Wir brauchen Unternehmen, die neue Dinge in der digitalen Welt ausprobieren.

Und hier setzt die Kritik von Michael Kroker an. Er kritisiert die wenig originelle Nachahmer-Masche der Deutschen Startups und fordert zu mehr eigenständigen Digital-Ideen und Konzepten auf, die sich von den amerikanischen Vorbildern unterscheiden. – Eine gute Aussage, die ich unterstütze.

Aber die entgegengebrachte Kritik und Häme fordern ja nicht konstruktiv zu mehr Kreativität auf, sondern verunsichern vor allem die zukünftigen Nutzer. Und diese könnten mit weniger Voreingenommenheit einfach durch ihre Nutzung entscheiden und dann ihre Meinung kundtun. Im Gegenteil: wir sollten die europäischen Nutzer ermuntern, europäische Dienste auszuprobieren und zu nutzen.

Denn egal wie nachgemacht oder langweilig deren Angebot ist: Eine europäische Lösung wird wahrscheinlich besser mit unseren Daten umgehen als es die meisten Apps aus dem Silicon Valley tun.

Die alte Frage: Wer liest bei unseren Nachrichten mit?

Apple hat es durch den San Bernadino Fall und weitere Aktivitäten geschafft, dass wir wieder Vertrauen schöpfen. Und eine komplette Verschlüsselung unserer Daten (Nachrichten) bei Apple und Google hört sich erstmal gut an. The Intercept berichtet, dass die gesamten Metadaten unserer Kommunikation quasi auf erste Anforderung an Polizei und Behörden übergeben werden. Die Fragestellung wer hat wann mit wem gechattet und telefoniert und wer hat welche Kontakte? sind für die Überwachung fast wichtiger als der eigentlich Inhalt.

Mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist es nicht einfach getan. Wir brauchen als Nutzer auch Vertrauen in den Dienste-Anbieter und das vorherrschende Rechtssystem des Betreiber-Landes. Und da genießt das deutsche Datenschutzgesetz bei den meisten eine Menge Vertrauen.

Es gibt also durchaus Argumente, die dafür sprechen, dass es europäische Messenger-Alternativen gibt, auch wenn diese Nachahmer sind. Und es könnte auch ein geschickter Schachzug sein, einen eigenen Messenger als Basis für Chatbot aufzubauen.

Willkommenskultur für digitale Lösungen aus Deutschland und Europa

Aber vor allem sollten wir jeglicher Form von digitalen Projekten aus Deutschland und Europa eine offene und positive Willkommenskultur entgegenbringen. Lästern auf Kosten anderer ist einfach. Aber es bringt uns nicht voran.

Konstruktive Kritik und Ermunterung der Nutzer, die neuen Dienste auszuprobieren, helfen uns sicherlich mehr dabei, eine europäische digitale Kultur zu entwickeln.

 
Der Artikel ist aus einer Reihe von Stefan Fritz. Besuchen Sie ihn auf seinem Blog stefanfritz.de.

Über den Autor
Stefan Fritz Stefan Fritz ist Gründer und Geschäftsführer der synaix GmbH in Aachen. synaix ist mit seinem Aachener Rechenzentrums-Verbund das digitale Rückgrat der Region (http://www.synaix.de). Als Experte für Digitale Plattformen und "as a Service"-Modelle schreibt er auf seinem Blog http://stefanfritz.de über die weitere Entwicklung und Gestaltung der Digitalen Welt. Stefan Fritz unterstützt Unternehmen und Startups bei der Umsetzung disruptiver Ideen in zukunftsweisende Digitale Geschäftsmodelle.